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    Saulheim - Kirchheimbolanden, 30. Mai 1999

    Es ist Fahrplanwechselsonntag. Verena muß heute arbeiten, so daß Ella und ich uns den Nachmittag allein um die Ohren schlagen dürfen. Also nutzen wir nach kurzer Diskussion die erstmalige Gelegneheit nach 48 Jahren, wieder planmäßig im Pv nach Kirchheimbolanden zu gelangen.

    Rund zehn Jahre war ich Rheinhessen-abstinent. Mit der Ausmusterung der ETAs und dem Entfall der herbstlichen Rübergaben hatte sich seinerzeit die Region meine Antipathie und Mißachtung zugezogen; In der Hoffnung, daß die Zeit Wunden heilt, versuche ich heute eine neugierige Annäherung.

    Los gehts um kurz nach drei in Saulheim. Das Hausgleis schützt sich mit Maschendraht gegen die Fahrgäste am Zwischenbahnsteig; Systemkreuzung und Sicherheitsstreben vereinigen sich hier in unästhetitscher low-budget-Lösung.

    Fast gleichzeitig laufen 628er von beiden Seiten ein. Ich hieve Ella in den vorderen Mehrzweckraum des SE nach Alzey (628 494 f.), wo sie sich sogleich auf den Müll unter den Klappsitzen stürzt. Abfahrt, der Motor heult gegen Weinberge an, eine einsame BliLo am Weg macht bimmbimmbimm. Wörrstadt ist durchgeschaltet, seit ich den Bahnhof kenne. Das Kreuzungsgleis rostet vor sich hin, doch alle Fensterscheiben am Stellwerk sind noch intakt (ist Rhein-Main wirklich so weit von hier?). Kurz hinter Wörrstadt der Brechpunkt, ab jetzt rollen lassen mit großartigen Ausblicken. Linker Hand der steile Hügel, auf dem mich dunnemals ein vor Herbiziden sprühender Winzer der Ornithologie verdächtigte, während ich doch nur auf N83xx (212+3xSilberling +515+815) wartete.

    Zugkreuzung in Saulheim
    Zugkreuzung in Saulheim.

    Armsheim sieht längst nicht so schlimm aus, wie ich befürchtet hatte. Nun gut, auch hier stehen Zäune auf den zwei hausfernen Bahnsteigen, die drei Gütergleise sind vom Restnetz der DB AG getrennt und sie tragen auch keine ASigs mehr. Doch immerhin steht das ASig am Wendelsheimer Stumpfgleis noch und zeigt tapfer Hp 0 in Richtung einer Sh2-Tafel und einer drei Meter messenden Schienenlücke.

    Zweigleisig gehts weiter nach Alzey. Für die Gegenrichtung ist seit meinem letzten Besuch ein Sbk gewachsen, das den langen Blockabschnitt Albig - Armsheim teilt. Ob es wohl das einzige Lichtsignal in Rheinhessen bleibt, bevor der FFB Einzug hält? Albig hat 55cm-Außenbahnsteige bekommen, wie an so vielen Stationen führen jetzt vom Bahnsteig zwei Stufen zum EG hinab.

    Einfahrt Alzey. Ella hat es nicht geschafft, sich die Treppen im VT hinunter zu stürzen, und sammelt nun ersatzweise Zigarettenstummel aus den Pflasterritzen an Gleis 1. Die Modernisierung des Bahnhofs ist trefflich gelungen, Bahnsteiggestaltung und Bahnsteigdächer passen sich gut ans 60er-Jahre -EG an, welches leider von der Renovierung nichts abbekommen hat.

    An Gleis 3 wartet VT 3.15 der Burgenlandbahn, Abnahme 7.5.99, in angenehmem gelb und grau. Trotz eröffnungsgemäß kostenloser Fahrten ist der Wagen nicht überfüllt, bietet sogar neben dem außermittig angeordneten Führerstand noch zwei Klappsitze in erster Reihe, die ich von den LVT/S der HLB nicht kannte. Hier wird Ella denn auch gleich auf dem Schaltschrank plaziert, wo sie es sich, ausgestattet mit Fläschchen und Salzstangen, gut gehen läßt und mit Rütteln an dem lose hinter der Frontscheibe aufgestellten Eurobahn-Schild die Nerven der übrigen Fahrgäste strapaziert.

    Los gehts mit +2, vorbei am ehemaligen Bw Alzey. Der Gleisplan des gesamten Bahnhofs ist arg zerrupft, aus Richtung Monsheim und Kirchheimbolanden sind keine gleichzeitigen Einfahrten mehr möglich. Dafür stehen die beiden ESigs noch immer hübsch nebeneinander, wobei jenes an der Monsheimer Strecke noch immer eines der höchsten ist, die mir bislang untergekommen sind (ist das jetzt das Stichwort für einen d.e.b.e.-Wettbewerb ‘Wo steht das höchste Formsignal’?).

    Die Trassierung der Strecke kann ihre Hauptbahn-Herkunft nicht leugnen. Kurz nachdem die Trasse von der Monsheimer Strecke abgeschwenkt ist, kommt der erste von vier neu technisch gesicherten BÜ. Diese sind allesamt noch nicht abgenommen und dürfen daher - wie die zwei nichttechnisch gesicherten - nur mit 60 km/h passiert werden. Die übrige Strecke läßt 80 km/h zu. Ab dem Wahlheimer Friedhof wirds bis Morschheim eisenbahnfotografisch interessant, die übrigen Streckenabschnitte sind stark eingewachsen oder liegen ungünstig auf Dämmen und in Einschnitten. In Wahlheim ist ein Teil des alten Bahnsteigs neu eingeschottert. Ein am Drahtzaun des privatisierten Bahnhofsgeländes angebrachtes Stationsschild mit Eurobahn-Signet macht den Halt als solchen kenntlich, ein Fahrplanaushang ist mir aus dem Zug nicht aufgefallen.

    Zwei Kilometer weiter in Freimersheim ist erstmals in der Ortsgeschichte ein Bahn-Haltepunkt entstanden. Die Bahnsteigkante aus Betonfertigteilen läßt ahnen, daß seit der ersten Reaktivierung in Rheinland-Pfalz - ich erinnere mich an Holzschwellenbahnsteige in Mertesheim und Ebertsheim - mehr Professionalität Einzug gehalten hat. Überhaupt ist an hohen Altschwellen-Stapeln entlang der Strecke und am entsprechend neuen Gleiskörper unter dem VT erkennen, daß die Instandsetzung der Strecke für Pv im Takt ihre 4,2 Mio. DM gekostet haben muß.

    '504 102' am Tag der Streckeneröffnung am provisorischen Endpunkt in Kirchheimbolanden
    '504 102' am Tag der Streckeneröffnung am provisorischen Endpunkt in Kirchheimbolanden

    Derweil hat mir einer der vier anwesenden Eurobahn-Menschen (übrigens offenhörlich ein Französisch-Muttersprachler) einen Kaffee serviert; sein Kollege, der Spezereien an die anwesenden Kinder verteilt, hat glücklicherweise rechtzeitig abgedreht, bevor Ella in habenwollende eh-eh-eh-Laute verfallen konnte.

    Der abgelegene Bahnhof Morschheim wird ohne Halt passiert, dafür sind die Gleisanlagen total renoviert und tragen neben einem Skl 53 (Besitzer?) auch den Esslinger VT 114, den die Heimatanschrift Bw Menzingen schmückt, der laut Eurobahn-Personal aber bei der WEG eingestellt sein soll. Der Esslinger soll im Bedarfsfall für den LVT/S einspringen, beide werden vsl. im Juli von LVT/S der HLB abgelöst, sobald in Hessen alle GTW 2/6 eingetroffen sind.

    In Morschheim ist - die Architektur des EG läßt keinen Zweifel zu - preußisch-hessisches Terrain verlassen und Pfalzbahn-Territorium erreicht. Bis zur Endstation läßt die Vegetation nurmehr wenige Fotostellen frei. Genannt seien der Heubergerhof und die Schotterverladung (schon im Stadtgebiet KIB, mit schrottigem Deutz-B-Kuppler). Der ehemalige Bahnhof Kirchheimbolanden (bei meinem ersten Besuch dort 1987 noch verkehrlich besetzt und mit Stückgutabfuhr auf der Schiene an (a)) wird wegen einer maroden Brücke nicht mehr angefahren, dafür wurde ca. 1 km davor ein Holzbahnsteig errichtet, an dessen Fuß auch schon der Bus nach Winnweiler im Alsenztal wartet.

    Fahrgastwechsel. Die Rückfahrt bringt keine berichtenswerten Neuigkeiten außer der Auskunft des Tf, daß noch unklar sei, wann und wie der Gv abgewickelt werden soll, nachdem der Pv keine Taktlücken dafür läßt.

    In Alzey führt mir die DB AG vor, wie man seinen Kunden vor der Nase weg fährt - oder bin ich etwa selbst daran schuld, den Anschluß nicht erreicht zu haben, weil ich Ella den Luxus erlaubte, auf eigenen Füßen (Schugröße 22) durch die Bahnsteigunterführung zu tapsen?

    Dafür darf ich nun noch ein wenig fotofieren und erleben, wie der Fdl über Lautsprecher einen ‘Eisenbahnfreund’ rund macht, der glaubt, quer über die Gleise latschen zu dürfen, und dabei zum Beweis seiner fachlichen Kompetenz die Schienenköpfe als Trittsteine benutzt.

    Auf der Rückfahrt nach Saulheim ist Ella dann eingeschlafen, was nicht so schlimm ist, denn diesen Streckenabschnitt ‘hat’ sie ja schon.

 

Diese Datei wurde erstellt von Volker Blees am 20.02.2004.
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